Der Vorleser (The Reader)

Direkt im Anschluss an "Lille Soldat" haben wir uns, ebenfalls im Friedrichstadtpalast - dieses Mal ausverkauft, d.h. 1.750 Zuschauer/innen,  "The Reader" angeschaut. Es handelt sich hierbei um die gleichnamige Verfilmung des Buches von Bernhard Schlink (das ich nicht vorher gelesen habe, weshalb ein Vergleich nicht möglich ist).

Dem 15-jährigen Michael (David Kross) wird auf dem Heimweg schlecht, eine Frau hilft ihm und bringt ihn nach Hause. Nach Monaten der Genesung will Michael sich bei dieser Frau bedanken und sucht sie nochmals auf. Das er sich sofort in sie verliebt hat, ist offensichtlich - auch für sie. Sie verführt ihn. Der Beginn einer sommerlichen Affaire. Michael verbringt seine gesamte freie Zeit bei Hanna (Kate Winslet). Sie fragt ihn, was er eigentlich in der Schule lerne, er erzählt ihr von Homers Odysee, liest sie ihr vor. So folgt nach jedem Liebesakt das Vorlesen, nach "Änderung der Regeln" liest Michael Hanna vorher vor. Die Affaire dauert solang, bis Hanna aufgrund guter Führung in den Bürodienst versetzt wird und heimlich wegzieht.

Jahre später, Michael ist Jurastudent an der Universität Heidelberg, verfolgt er mit einigen, wenigen Kommilitonen/Kommilitoninnen und seinem Professor (Bruno Ganz) einen Prozess gegegn sechs KZ-Wärterinnen. In einer der Angeklagten entdeckt er seine Hanna. Hanna ist in dem ganzen Prozess die einzige, die auspackt und sagt, wie es wirklich war, die darin nichts schlimmes sieht, die ihre Taten nicht verleumdet. Sie streitet jedoch ab, die Wortführerin unter den sechs Frauen gewesen zu sein, denn das entspricht nicht der Wahrheit - bis mit Hilfe eines Schriftbildes überprüft werden soll, ob sie den beweisenden Bericht geschrieben habe. Hanna stellt keine Schriftprobe zur Verfügung, sie gibt alles zu. Michael beobachtet währenddessen mit Entsetzen, was da im Gerichtssaal vor sich geht. Er errät Hannas Geheimnis, ein Geheimnis, was sie entlasten würde, wofür sie sich aber so sehr schämt, dass sie stattdessen lieber lebenslang hinter Gittern geht. Und er hat Verständnis für Hannas Scham, greift nicht in den Prozess ein, nimmt das Urteil hin.

Michael schafft es nicht, Hanna im Gefängnis zu besuchen. Erst einige Jahre später entdeckt er (jetzt Ralph Fiennes) die alten Bücher wieder, beschließt diese noch mal laut zu lesen, sich auf Kassette aufzunehmen und schickt Hanna seine Hörbücher. Beim letzten gemeinsamen Buch angekommen, entschließt sich Hanna dazu, erstmals dazu, das Buch selbst in der Gefängnisbücherei auszuleihen. Mit Hilfe der Kassetten bringt sie sich nun selbst das Schreiben und Lesen bei.

Es vergehen weitere Jahre. Hanna beginnt, Michael kurze Briefe zu schicken. Er beantwortet sie nicht.

Es kommt die Zeit, dass Hanna entlassen werden soll. Als einziger, bestehender Kontakt wird Michael gebeten, sich nach ihrer Entlassung um Hanna zu kümmern, sie bei der Resozialisierung zu unterstützen. Doch Hanna, eine in ihrem gesamten Tun eine durch und durch konsequente Person, nimmt sich ihr Leben.

Der Vorleser ist wie schon "Lille Soldat" ein sehr bewegender Film. Er zeigt auf, wie sehr Gefühle und Verstand miteinander im Widerspruch stehen können und das Leben einzelner Menschen beeinflusst. Ob Hanna Michael jemals geliebt hat, ich weiß es nicht. Ich denke aber, dass sie ihr Leben lang mit sich selbst beschäftigt war, was sie dazu brachte, sich innerlich komplett einzuigeln, niemanden an sich heran zu lassen und vor allem sich selbst nicht verzeihen zu können. Von Michael wissen wir, dass Hanna die Liebe seines Lebens war, er sie nie vergessen hat, er sie nie verraten hat. Verzeihen musste er ihr nicht, er wusste, dass Hanna sich selbst nie verzeihen könnte. Er wusste ebenfalls, dass es keine Zweck gehabt hätte, ihr Geheimnis zu verraten. Diesen Schritt musste Hanna selbst gehen.

Wie schon gesagt, ich kenne die Literaturvorlage zum Film nicht, ich kann daher nicht sagen, ob "Der Vorleser" eine gelungen Adaption ist. Aber auch ohne Buch kann ich sagen, dass es sich um einen sehenswerten und innerlich mitreißenden Film handelt. Und auch, wenn es mich bei diesem Film wirklich ärgert, dass das Original trotz deutscher Vorlage, deutscher Drehorte und vieler deutscher Schauspieler/innen englisch ist und die Hauptrollen mit Kate Winslet und Ralph Fiennes besetzt wurden (wo bleibt hier eigentlich die Anerkennung von David Kross?), so drücke ich dennoch ganz besonders Kate Winslet dieses Jahr beide Daumen für den Oscar. Für ihre Leistung in "Revolutionary Road" und auch in "The Reader" hat sie sich diese Anerkennung nun wirklich verdient.

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