Gendersensitive Mediendidaktik

Im Rahmen der Planung eines E-Tutoren/E-Tutorinnen-Trainings unter Berücksichtigung gendersensitiver Mediendidaktik setze ich mich gerade damit auseinander, was mit "gendersensitiver Mediendidaktik" überhaupt gemeint ist. Das Internet hält zu diesem Thema eine große Anzahl an Quellen bereit. Insbesondere aus dem BMBF-Projekt "Neue Medien in der Bildung - Förderbereich Hochschule" sind etliche Publikationen hervorgegangen. Dabei stoße ich auch immer wieder auf "Die 10 wichtigsten GM-Regeln bei der Lernmodulgestaltung":

Das gendergerechte Lernmodul …
1. beinhaltet eine gendersensible (An-)Sprache
2. bietet einen umfangreichen "(Sozio-)Technischen Support“
3. hat eine gute (zeitsparende) Navigation
4. berücksichtigt unterschiedliche (technische und inhaltliche) Kenntnisstände der Studierenden
5. bietet einen übersichtlichen Einblick über alle und in allen Lernmodulen (Lernziel-Meta-Plan)
6. gibt Auskunft über den zeitlichen Umfang einzelner Lernmodule
7. besitzt ein genderbewusstes didaktisches Lernkonzept
8. beinhaltet vielseitige, flexible, interaktive und lebensnahe Lernangebote
9. bietet vielfältige interaktive (moderierte) Kommunikationsangebote
10. vergibt ein „Zertifikat“ für die erfolgreiche Teilnahme an dem Lernmodul

Quelle: Good Practice für die gendergerechte Gestaltung digitaler Lernmodule

Erläuterungen zu den einzelnen Regeln sind u.a. dem zitierten Dokument zu entnehmen. Ohne in Frage zu stellen, dass die genannten Regeln sicherlich dazu beitragen, eine möglichst heterogene Lerngruppe bei ihrem Lernvorhaben zu unterstützen, frage ich mich jedoch, warum es sich hierbei um die Berücksichtigung des Gender-Aspekts handelt. Ich selbst werde den Eindruck nicht los, dass diese Regeln u.a. genderspezifische Unterschiede zwischen Menschen durchaus berücksichtigen, dass sie aber dennoch weit darüberhinaus gehen. Denn gilt es nicht die gleichen Regeln zu beachten, wenn ein Kursangebot sich beispielsweise an Menschen aus Afrika, Europa und Amerika wendet, deren kulturellen Hintergründe sich stark voneinander unterscheiden.
Ich persönlich würde mich daher gerne von dem Begriff Gender an dieser Stelle entfernen - ich halte dies für nicht mehr zeitgemäß. Viel schlimmer noch, meiner Meinung nach ist dieser Begriff immer noch zu stark mit der Frauenbewegung verbunden - Männer fühlen sich bei dieser Thematik - zumindest entspricht das meiner subjektiven Wahrnehmung - nur selten angesprochen. Eine Öffnung des Begriffs in Richtung Diversity scheint mir da schon sehr viel angebrachter.
Allerdings muss ich gestehen, dass die gesamte Thematik des Gender Mainstreaming, die dahinter steht, ein recht neues Feld für mich darstellt. Daher würde ich an dieser Stelle gerne zu einer Diskussion anregen, die ggf. auch meine aktuelle Einstellung in Frage stellt. Ich freue mich daher über jeden Kommentar zu diesem Eintrag.

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Kommentare

Also, zum Thema Gender,

Also, zum Thema Gender, wichtiges, großartiges Thema. Also dass überhaupt erstmal die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht aufgetan wurde, denn zwischen sex und gender besteht nunmal nicht unbedingt eine Übereinstimmung. Auch kann noch zwischen "gender identity" und "gender role" unterschieden werden: "Geschlechtsidentität (gender identity) beginnt mit dem Wissen und dem Bewusstsein, ob bewusst oder unbewusst, dass man einem Geschlecht angehört und nicht dem anderen. Geschlechtsrolle (gender role) ist das äußerliche Verhalten, welches man in der Gesellschaft zeigt, die Rolle, die man spielt, insbesondere mit anderen Menschen.", Stoller 1963 Den Begriff "Gender", durch "Diversity" zu ersetzen, fände ich falsch, denn sind Männer und Frauen tatsächlich unterschiedlich? Laut Judith Butler nein. Weder biologisch, noch sonst irgendwie. Und wie will man sich für Gleichberechtigung einsetzen, wenn man erstmal die Unterschiede, diversities, aufzeigt. Ab dem Moment ist Gleichberechtigung eigentlich schon gestorben. Und da setzt dann auch meine Kritik am "Gender Mainstreaming" an: Warum müssen sie denn erst die Unterschiede der Geschlechter aufzeigen, und das über nicht wenig Seiten: "Auch im Sport gibt es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Mädchen und Frauen bevorzugen Breiten- und Freizeitsportarten wie Turnen, Reiten, Tennis und Tanzen, während Jungen und Männer eher Mannschafts- und Wettkampfsportarten wie Fußball, Handball, Basketball, Leichtathletik wählen." Mal vom Auftun der Unterschiede abgesehen, so Aussagen sind einfach bescheuert und klischeehaft. Es gibt viele Leichtathletikvereine, in dem mehr Frauen als Männer sind und auch spielen viele Frauen Fußball und viele Männer reiten. Außerdem üben Frauen nicht unbedingt Frauensportarten aus, weil sie das von Natur aus so wollen, sondern weil sie so sozialisiert sind, gender role und sex stimmen bei ihnen also - oft wegen Erziehung- überein. Auch dass diese Broschüre sich so Fragen wie "Warum Gleichstellung?" (Seite 32) widmet, finde ich eher idiotisch, vor allem, wenn die Frage dann noch mit Kostenvermeidung (S.33) beantwortet wird. Was soll das denn? Geht es hier bei dem Gender Mainstreaming Konzept überhaupt noch um die Menschen und um ihr Wohlbefinden, oder nur noch, wie man eine Gesellschaft leistungsfähiger machen kann? Es gibt Menschen, die haben unter ihrem Gender oder ihrem sex, wie man's nimmt, wirklich zu leiden, da sie nicht anerkannt werden, wie sie sind, und da kommen so Leute, die alles ganz theoretisch angehen und offensichtlich nicht so die Ahnung haben und meinen, eine Kosten/Nutzungserörterung sei hier angebracht. Ich denke übrigens auch nicht, dass Gender nicht mehr zeitgemäß ist, da er durch die Frauenbewegung aufkam, mal davon ab, wurde der Begriff von einem Mann (John Money) geprägt. Gerade Männer haben oft größere Probleme, wenn gender und sex nicht übereinstimmen. Frauen haben es heutzutage leichter, wenn sie sehr männlich wirken oder auch in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung die "Männerrolle" annehmen. Männer dagegen, die sehr weiblich sind, werden ausgelacht und als "schwul" beschimpft, nur, weil es in der Gesellschaft nicht so angesehen ist. Es ist falsch zu glauben, Männer fühlen sich bei dem Wort gender nicht angesprochen, es gibt genügend Transgender, Transsexuelle, männliche CrossDresser oder sonstwas. Nur sind diese Menschen eben in der Öffentlichkeit nicht so präsent, eben gerade weil sie diskriminert werden und das gender mainstreaming (das tatsächlich nur auf die "armen Frauen" eingeht) hier keine Wirkung gezeigt hat.

Puhh, nachdem der Blog nun

Puhh, nachdem der Blog nun wieder erreichbar ist - dachte schon, ich hätte ihn gestern abgeschossen, kann ich endlich auch eine Antwort auf den Kommentar von Kristina geben. Danke für deine vielen Gedanken - aber so ganz zustimmen kann ich dir da nicht. Ich gebe dir Recht bei der Unterscheidung zwischen Sex und Gender, und der Tatsache, dass dies nicht unbedingt gleich sein muss. Auf die Frage, ob Männer und Frauen tatsächlich unterschiedlich sind, kann ich nur ein klares ja geben. Dies ist im Gender Mainstreaming eine anerkannte Tatsache, nichtsdestotrotz unterschieden sich Menschen nicht nur hinsichtlich ihres (sozialen) Geschlechts. Dazu habe ich noch ein recht passendes Zitat gefunden:
"Das Geschlecht gibt es nie pur, es verbindet sich immer mit anderen Variablen wie bspw. Alter, Bildung, dem sozialen Status, der kulturellen Zugehörigkeit (Ausländer/in oder Deutsche) oder der sexuallen Präferenz. Die Geschlechtszugehörigkeit ist daher nicht zu isolieren."
Quelle: Metz-Göckel, Sigrid; Kamphans, Marion; Tigges, Anja; Drag, Anna: Auf die Probe gestellt: Gender Mainstreaming bei der Einführung digitaler Medien in der Hochschullehre. In: Zeitschrift für Frauenforschung & Geschlechterstudien, 20. Jg., 2002, H. 4, S. 28-40 Und wenn ich nun wieder auf die gendersensitive Mediendidaktik zurückblicke, denn das ist ja mein Ausgangspunkt, dann werden die genannten Aspekte durch den dargestellten Leitfaden auch berücksichtigt. Dennoch wird dem ganz nur das Label "gendersensitiv" aufgedrückt. Und genau darin liegt meine Kritik. :-) Nicole

Ja sorry, ich war

Ja sorry, ich war tatsächlich vom Thema "gendersensitive Mediendidaktik" weggekommen. Ich fand die Anmerkungen zum Thema, die du so nebenbei im Text stehen hast, wohl erstmal diskussionswürdiger. Was die gendersensitive Mediendidaktik angeht, kann ich dir nur zustimmen. Ich sehe in den Punkten auch nicht, was daran so genderspezifisch sein soll (außer 2 Punkten). Mir erscheint es auch mehr, als müsse man die Modewelle des Wortes "gender" einfach mal mitnehmen und dann klingt das alles plötzlich ganz toll und modern. Andererseits stellt sich noch so ein bisschen die Frage, was ein "genderbewusstes didaktisches Lernkonzept" ist. Mit dem kann man es natürlich noch rausreißen und wirklich auf genderspezifische Dinge eingehen. Wobei das Konzept dann natürlich auch richtig erklärt sein will.

Kein Problem, wir scheinen

Kein Problem, wir scheinen da ja einer Meinung zu sein. Und der Frage nach dem "genderbewussten didaktischem Konzept" versuche ich nachzugehen, falls ich neue Erkenntnisse gewinne, werde ich darüber posten :-)

[...] Vor gut einem Monat

[...] Vor gut einem Monat habe ich darüber berichtet, dass ich mich zzt. mit gendersensitiver Mediendidaktik auseinandersetze. In diesem Zuge habe ich auch die 10 Gender Mainstreaming Regeln für die Gestaltung von Lernmodulen erwähnt. Nachdem ich nun, im Rahmen der Konzeption und des Aufbaus einer Moodle-Kursumgebung für ein “Gender & E-Tutoring”-Training, mir sehr viele Gedanken über die praktische Umsetzung dieser Regeln gemacht habe, werde ich eine Zusammenfassung dessen für des Gender-Portal der Uni Duisburg-Essen erstellen. Da diese zusammenfassende Darstellung, zumindest in ihrer ersten Version, möglichst kurz und übersichtlich werden soll, möchte ich weitere Gedankengänge hier in meinem Blog vorstellen. Es folgen daher in der nächsten Zeit weitere Beiträge, in denen ich auf alle 10 Regeln einzeln eingehen möchte. [...]

[...] Lernmodul “bietet

[...] Lernmodul “bietet einen umfangreichen (Sozio-)Technischen Support” - so die 2. der schon erwähnten Gender Mainstreaming Regeln zur Gestaltung von Lernmodulen. Meiner Meinung nach geht die 4. Regel [...]

[...] möchte ich mich der

[...] möchte ich mich der dritten Gender Mainstreaming Regel zur Gestaltung digitaler Lernmodule widmen: Gute (zeitsparende) Navigation. Zurückzuführen ist [...]

[...] für die Gestaltung

[...] für die Gestaltung von digitalen Lernmodulen für sehr wichtig halte. Da ich jedoch keine der 10 Gender Mainstreaming Regeln für passend genug halte, um auf diesen Aspekt einzugehen, gibt’s heute mal einen kleinen [...]

[...] wird Zeit, mal wieder

[...] wird Zeit, mal wieder etwas zu den 10 Gender Mainstreaming Regeln zu schreiben. Heute ist die 7. Regel dran, das genderbewusste didaktische [...]

[...] heute mal wieder etwas

[...] heute mal wieder etwas zu den 10 Gender Mainstreaming Regeln - die Nr. 8 ist ist dran: Vielseitige, flexible, interaktive und lebensnahe Lernangebote. Ich [...]

[...] ein paar Wochen Pause

[...] ein paar Wochen Pause wird es nun endlich Zeit, meine Mini-Serie zu den 10 Gender-Mainstreaming-Regeln abzuschließen. Die beiden letzten Regeln 9 “vielfältige interaktive (moderierte) [...]