In der letzten Woche war ich auf der Tagung "Was ist gute Lehre - Konferenz zur Qualität in der Lehre" an der FH Kiel. Schon im Vorfeld zur Tagung begegnete mir via Twitter der Kommentar, dass es bei der Frage oder Diskussion um gute Lehre ebenso wäre wie bei der Frage nach dem Huhn oder dem Ei. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema, auf das es keine abschließenden Antworten gibt - aber immer wieder erneuten Austauschbedarf. So wurde auch in Kiel recht viel diskutiert; über Bologna, autonomes Lernen, kompetenzorientiertes Prüfen, Diversität, Förderung von Lernkompetenzen, Einsatz neuer Medien - nicht aber über Qualität (oder ich habe verpasst, als der Bezug hergestellt wurde).
Die die Tagung einleitende Podiumsdiskussion fokusierte die Themen Studierbarkeit, Lernmethoden und Diversität und sensibilisierte dafür, dass selbstständiges oder selbstorganisiertes Lernen eine Eigenschaft ist, die nur noch eine Minderheit der Studierenden heute zu besitzen scheint. Autonomes Lernen gilt es demnach zu fördern, bleibt aber noch die Frage, was autonomes Lernen denn genau ist. Und die Frage, ob autonomes Lernen heute überhaupt benötigt werden. Schaut man sich Modulprüfungen an, die mittels MC-Test durchgeführt werden, so scheinen diese nicht geeignet zu, sondern unterfordern die Studierenden. Aus den USA kommen Impulse, Lehre interaktiver zu gestalten, z.B. auch in großen Veranstaltungen Votingsysteme zu nutzen, um somit Rückkopplungsmöglichkeiten anzubieten. Ebenso wird auf prozessorientiertes, auf situatives, berufsnahes Lernen hingewiesen, um die Motivation und die Freude am Lernen wieder neu zu erwecken. Es folgte die Diskussion über dafür passende Lehrmethoden und wie diese in die Lehre Einzug halten können. Gefordert wird ein Wechsel von der Sprechstundenmentalität hin zur permanenten Begleitung und Beratung Studierender. Wie lässt sich das aber umsetzen? Und wie lassen sich Massen prüfen, ohne einfach auswertbare MC-Tests einzusetzen. Könnte die aus meiner Sicht längst ausstehende Anpassung an die Lehrdeputate durch flexiblere Verrechnungsmöglichkeiten ein Schritt in diese Richtung sein? Und letztlich noch die Frage nach der Diversität: Wie kann man möglichst allen gerecht werden, ohne endlose Ressourcen zu benötigen. Lehr-/Lernprozesse ändern sich, der Fokus liegt nicht mehr auf den Lehrenden, die Inhalte vermitteln, sondern auf den Lernenden, die sich mit Inhalte auseinandersetzen. Hier ist er wieder, die viel zitierte "shift from teaching to learning". Und dennoch halte ich als Fazit der Diskussion fest, dass hauptsächlich mehr finanzielle Mittel gefordert werden. Diese Forderung möchte ich nicht abstreiten - aber ist das nicht ein wenig zu einfach?
Die folgenden Vorträge griffen immer wieder eines der bereits genannten Themen heraus. Rolf Schulmeister stellte die Ergebnisse der Studie ZEITlast vor, die herausgefunden hat, dass Studierende nicht per se zeitlich mit dem Bachelorstudium überfordert sind, die Streuung innerhalb der Studierendenschaft aber enorm sei. Viele der Studierenden habe ihre Autonomie verloren (oder nicht entwickeln können), allein lernen wird als anstrengend empfunden, Methoden des Zeitmanagements sind nicht bekannt - offene, authentische, aber betreute Lernumgebungen können dem entgegen wirken, so die These Schulmeisters.
Wibke Derboven stellte anschließend die Ergebnisse ihrer Studie über Studienabbrüche in den Ingenieurwissenschaften vor. Sieht man mal davon ab, dass das Projekt bereits 2008 abgeschlossen wurde, sind die Ergebnisse dennoch ganz interessant. Bei vier der insgesamt sechs herauskristallisierten Studierendentypen wird davon ausgegangen, dass sie generell für das Studium geeignet wären, sie aber an den Rahmenbedingungen gescheitert sind: von der Stoffmenge überforderte Technikzentrierte, studienkompetente Technikengagierte, studienunerfahrene Orientierungslose sowie technikinteressierte Außenstehende. Es konnte festgestellt werden, dass insbesondere durch das Können und Verstehen eine Bindung zum Studium vorliegt, praktisches Tun gefolgt von spannenden Präsentationen bei den Studierenden am besten ankommen. Sie schlussfolgert daraus, dass es im Studium darauf ankommt, für die Studierenden einen "roten Faden" herzustellen, Bedürfnisse nach sozialer Zugehörigkeit und fachlicher Hilfe zu befriedigen und vom Studium ein erhöhter Aufforderungscharakter nach kontinuierlichem Lernen ausgehen sollte. Ganz konkret geht sie anschließend auf didaktische Reduktion ein, appelliert für die Verwendung von Wissenslandkarten mit der Möglichkeit zu einzelnen Tiefenbohrungen - ein Ansatz, der nicht von allen Tagungsteilnehmern/-teilnehmerinnen begrüßt wurde, befürchten sie immer noch, dass dadurch zu wenig gele(h)rnt werden könnte.
Die Förderung von Lernkompetenzen an Hochschulen war das Thema von Sabine Hoidn. Für mich eines der spannenderen Themen, da es mich im Zusammenhang mit der Diskussion um PLEs sehr interessiert, wie man bei den Lernenden die dafür erforderlichen "Startvoraussetzungen", die auch ich momentan nur bei einer Minderheit als gegeben sehe, schaffen kann. Leider erinnerte der Vortrag mich jedoch mehr an ein Doktorandenkolloquium - nach einer knappen dreiviertel Stunde Forschungsdesign wurden dann auch mal die Ergebnisse angerissen. Zu dem Zeitpunkt war ich gedanklich schon nicht mehr anwesend und werde selber noch mal nacharbeiten.
Der Workshop zum Thema "Educational Diversity: Diversität nutzen - Kompetenz entwickeln" fand ich hingegen wider Erwarten besser als erwartet. Birgit Szczyrba und Susanne Gotzen stellten interaktiv und workshopangemessen die beiden Projekte LUPE (kompetenzorientierte Lehre und Prüfung - das Projekt für die Lehrenden) und KomPass (Kompetenzentwicklung für Studierende) vor. Ich mache es kurz und nehme als Fazit folgendes mit hinaus: Kompetenzorientierte Lehre ist situativ und schließt mit situativen Prüfungen ab. Was das genau im Kontext von Bologna (Stichwort: kompetenzorientierten Prüfungen) bedeutet, darauf gehe ich später noch mal ein.
Am Freitag startete dann Hannah Leichsenring mit ihrem Vortrag über studienrelevante Diversität, in dem sie das Projekt QUEST vorstellte. Noch liegen keine endgültigen Ergebnisse vor. Ähnlich wie bereits Wibke Derboven darstellte, konnten auch durch diese Befragung verschiedenen Studierendentypen herausgefunden werden - und nur 13% der Studierenden gehören dem Typ "Wunschkandidat" an, der von Lehrenden bevorzugten Gruppe, da sie gut mitkommt und wenig Betreuung bedarf.
Isabell Zorn betrachtete die digitalen Medien in der Hochschulelehre. Sehr schön stellte sie nochmals dar, dass der Einsatz neuer Medien in der Lehre nicht per se zu einer Verbesserung der Lehre führt - natürlich nichts Neues, aber ich fürchte, man kann nicht oft genug sagen. Stattdessen: Es kommt darauf an! An einigen Beispielen erläuterte sie dann die Umsetzung von "Lernen durch Lehre", in dem sie Seminare vorstellte, in denen die Studierenden die Materialien selbst erstellten. Statt herkömmlicher Referate müssen Screencasts erstellt werden. Wie bei den Referaten müssen sich die Studierenden hierzu mit den Inhalte auseinandersetzen, aufgrund der Methode scheint dies aber intensiver zu geschehen und die Ergebnisse bringen die Themen auf den Punkt. Das Einstellen auf einer Plattform fördert außerdem den Austausch der Studierenden untereinander und ermöglicht so das gegenseitige studentische Feedback. Wie auch Isabell Zorn selbst sagte, eine Methode, die sicherlich nicht in allen Seminare so umgesetzt werden kann, da sie für die Studierenden sehr zeitintensiv ist, andererseits - wenn man noch mal an die zeitliche Auslastung der Bachelor-Studierenden zurückdenkt, die Rolf Schulmeister vorgestellt hat (mitnichten wird 40 Stunden die Woche studiert - der Schnitt bewegt sich bei um die 25 Stunden!), dann ist die Zeit wohl kein gutes Argument. Hinzukommt der motivationsfördernde Aspekt. Ich fand's eine spannende Idee. Für alle, die an den Beispielen von Isabell Zorn interessiert sind, hat sie übrigens in ihrem Blog eine umfangreiche Linkliste zusammengestellt. Vielen Dank dafür :-)
Kompetenzorientierte Prüfungen bilden den Abschluss der Tagung. Peter Wex referiert mit trockendem Humor ohne jeglichen Anschauungsmittel durchaus interessant und lässt an der ein oder anderen Stelle ein Birnchen bei mir aufleuchten. Ich muss dazusagen, dass (E-)Assessment bisher nicht so mein Steckenpferd ist und ich daher nur dazu lernen konnte. Er beginnt damit, dass zzt. ca. 1,1 Millionen Studierenden in Deutschland studieren. Damit finden ca. 11 Millionen Prüfungen im Jahr statt - und alle Prüfungen prüfen angeblich Kompetenzen (einfach mal einen Blick in Modulhandbücher werfen). Wer sich schon mal etwas mit dem Begriff der Kompetenz auseinander gesetzt hat, weiß, dass das irgendwie extrem aufwendig sein muss - und trotzdem erfolgen mehr als 80% der Prüfungen. Kompetenz äußert sich hingegen im Handeln, entwickelt sich situativ. Schriftliche Formen sind daher denkwürdig ungeeignet. Spannend auch, dass teilweise bis zu 60% der geprüften Leistungen überfachliche Kompetenzen ausmachen (etwa soziale oder personale K), aber man noch nie etwas davon gehört hat, dass jemand aufgrund mangelnder Teamfähigkeit eine Prüfung nicht bestanden hat. Da scheint etwas nicht zu stimmen. Da kompetenzorientiertes Prüfen schier unmöglich mit solchen Massen zu sein scheint, plädiert Peter Wex daher für einen Begriffswechsel: Statt Kompetenz bevorzugt er Lernergebnisse oder Learning Outcomes. Diese lassen sich auch wesentlich besser ausdrücken/operatinalisieren als Kompetenzen und sind somit auch einfacher überprüfbar. Versuchen wir weiterhin Kompetenzen zu prüfen, überlasten wir uns - und damit auch die Studierenden.
Ein langer Text, der nur einige Aspekte und Eindrücke der Tagung wiedergeben kann. Als Fazit ziehe ich für mich heraus, dass es weiterhin sehr wichtig ist, Lehrende dabei zu unterstützen, Studierenden während des Studiums zu begleiten, ihnen angemessene, persönliche Lernvoraussetzungen zu schaffen, die weder überfordern noch langweilen. Dafür gibt es aus meiner Sicht auf beiden Seiten noch viel zu lernen und zu entwickeln. Die zweite Dekade des Bolognaprozesses hat begonnen ...
Kommentare
Herzlichen Dank für Deinen
Herzlichen Dank für Deinen sehr informativen Bericht.
LG
Ingrid
Mittlerweile haben die
Mittlerweile haben die Veranstalter die Folien zu den einzelnen Vorträgen online gestellt: http://www.fh-kiel.de/index.php?id=8125. Von den Mitschnitten ist dort jedoch leider nix zu sehen ...