"Lille Soldat", unser erster Berlinale-Film, handelt von der Soldatin Lotte (Trine Dyrholm), die nach einem Auslandseinsatz nach Dänemark zurückkehrt. Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen, Alkohol scheint ein guter Freund zu sein. Durch Zufall erfährt Lottes Vater (Finn Nielsen) von ihrer Rückkehr, klingelt bei ihr an, bietet ihr eine Job an. Beiden ist klar, dass es diesen Job eigentlich nicht gibt, Lotte nimmt dennoch an. Bei den Großeltern aufgewachsen versucht sie so, wenn auch spät, einen Zugang zu ihrem Vater zu bekommen.
Als der Fahrer der Prostituierten und Freundin des Vaters Lily (Lorna Brown) ausfällt, bietet Lotte ihre Dienste an. Eigentlich kein Job für eine Frau, eine Prostituierte zu deren Freiern zu fahren, aber als ausgebildete Soldatin mit Kampferfahrung scheint sie auch nicht ganz ungeeignet zu sein. Zuerst scheint das Verhältnis zwischen Lily und Lotte feindlich, nach und nach entwickeln die beiden Frauen dann eine freundschaftliche Zuneigung füreinander. In einer der Schlüsselszenen rettet Lotte Lily vor einem ausrastenden Freier, der sie mit der Pistole bedroht. Anschließend verdauen sie das Erlebte gemeinsam am Strand, Lily öffnet sich das erste Mal, erzählt von ihrer Heimat Nigeria und ihrer kleinen Tochter, die sie dort bei ihrer Mutter zurückgelassen hat. Ein Moment, der Lotte an ihr eigenes Leben erinnert, an ihre Kindheit bei den Großeltern. Sie will, dass es die Kleine von Lily besser hat, dass ihre Mutter für sie da ist. Da Lily sich nicht durch Worte davon überzeugen lässt, wieder nach Nigeria zurückzugehen, schmiedet Lotte einen Plan: Sie plündert den Tresor ihres Vaters, bucht Flugtickets für Lily, stellt ihr eine Falle und erpresst sie letztlich mit der Polizei. Lily hat keine andere Wahl, sie steigt in den ersten Flieger. Lottes Vater stellt zwischenzeitlich den Diebstahl fest, sucht Lotte auf. Auch wenn sie seine Tochter ist, sie hat eine Abreibung verdient, sie versteht die Szene nicht, kapiert nicht, dass Lily sich vermutlich in London mit dem Geld "selbstständig" machen wird. Vom eigenen Vater zusammengeschlagen macht Lotte sich auf den Heimweg ...
Wie viele dänische Filme zeigt auch dieser Film grausame Wahrheiten über menschliche Verhaltensweisen: Eine vom Krieg zerstörte Soldatin, die kaum in der Lage ist, Gefühlsregungen zu zeigen, diese in Form von Wut und Verzweiflung aber dennoch tief in sich spürt. Einen Vater, der versucht, Fehler wieder gut zu machen, dabei sich selbst und seine Stellung aber nie vergessen würde. Eine nigerianische Prostituierte, die im Geld das wahre Glück für ihre Tochter sieht. Nichts wird geschönt, nichts durch visuelle Effekte hervorgehoben. Die Wirkung erzielt der Film durch seinen grauen Alltag, seiner Normalität perverser Situationen, seinen unscheinbaren Schauspielern und Schauspielerinnen. Wären sie unsere Nachbarn, wir würden es vermutlich nicht mitbekommen.
Trotz der niederschmetternden Thematik des Films, "Lille Soldat" habe ich als durchaus gelungenen Berlinale-Auftakt erlebt. Bin gespannt, ob er als Wettbewerbsbeitrag Chancen auf einen Bären hat und drücke die Daumen dafür.